Kantor
Diese Arbeit ist mir vielleicht mit am besten gelungen – eine Idee, die mich ähnlich wie die Kammersinfonie und die Versuche zur jhw. Schöpfungsgeschichte über lange Zeiträume begleitet hat. Formal orientiert an der Orgelmusik des norddeutschen Barock und an César Francks „Chorälen“, spürt es den Grenzbereichen von der Spätromantik zur Moderne nach und versteht sich mitnichten als Stilstudie. Ich lege es in mehreren Bearbeitungen vor:
für Orgel
für Streichquartett
als sinfonische Dichtung
und als Chorwerk, begleitet
– mit Orchester (die Instrumentalstimmen sind mit denen der sinfonischen Dichtung identisch)
– oder mit Orgel (die Orgelstimme entspricht der der ersten Fassung)
Textfolie ist das bekannte Gedicht „Der Einsiedler“ des Joseph von Eichendorff. Ebenso spielen aber auch Rückerts „Nachtwache“ („und aus Osten das Horn rufet entgegen…“) mit hinein und Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“.
zwei Gesänge nach Dante / George
Beatrice, oder „die Selige“ (wie Stefan George überträgt) – eine der rätselhaftesten großen Frauengestalten der Literaturgeschichte. Wer, oder vielleicht auch: WAS ist sie (bzw. das)? Eine unerreichte Jugendliebe, ganz im Sinne der mittelalterlichen Minnekunst? Allegorie für Philosophie und Theologie? Dante Alighieri (1265 – 1321) ist ein Mann mit Zivilcourage, der ihr gegenüber im Reich der Toten (nachdem er Zombies aller Art gesehen hat, in grausigem und angenehmerem Vorkommen) endgültig ganz und gar kleinlaut wird. Beatrice hört einfach nicht auf, mit ihm zu schimpfen – lässt am Ende aber dann doch so etwas wie Huld walten. Eine Romanze wird aber nicht daraus. Eine beinahe bizarre Figur.
Diptychon zur Osterzeit: Der Walzer im ersten Stück (für Klavier solo) enthält ein Idee aus „Adam“ (siehe unten) – dort steht er für die Existenz draußen vor den Toren des Paradieses, wie er auch im letzten Werk zu diesem Stoff das Leben „jenseid Eden“ umschreibt: Als traurigen Tanz. Die Situation nach Jesu Tod steigert diese Trauer ins Unermessliche. Die Frauen am leeren Grab werden zunächst vom puren Grauen erfasst. Aber der Kampf zwischen Leben und Tod ist entschieden; die Battaglia mündet in einen sehr ruhigen Choral (Luther: „Es war ein wunderlich Krieg, da Tod und Leben rungen… wie ein Tod den andern fraß…“). Der Gesang „Ecce homo“ meditiert die beiden Gärten der (Un)Heilsgeschichte, Eden und Gethsemane. Im letzteren begegnet Magdalena dem Auferstandenen.
Die ersten Kapitel der Bibel kreisen um die zentrale Frage: Was ist der Mensch?
Mit knappen Worten, wieder und wieder eindrücklichin jede Sprache der Welt übersetzt, werden Urbilder hervorgerufen, mit denen eine Antwort gelungen ist.
Der Beginn des Johannesevangeliums, mit Blick auf dem Täufer – und der Figur des Nazareners, deren ‚Rätselhaftigkeit‘ bei Johannes vielleicht am stärksten betont wird.
Sieben Meditationen zur Passionszeit nach Nora Gomringer (aus: Vor Arvo Pärts „Stabat Mater“ zu rezitieren; in „Gottesanbieterin“, Berlin/Dresden 2022), mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages Voland & Quist.
Diese Vertonung wurde in der Augustinerkirche Gotha uraufgeführt anlässlich der erstmaligen Zurschaustellung das Fastentuches von Bettina Schünemann (Foto: Thomas Wolf). Ernste, zuweilen auch verspielte Gedanken zu Passion und Auferstehung, welche uns alle betreffen in unsrem ratlos-Herumirren hienieden.
Bitte keine kommerzielle Verwertung!
Besetzung: Mezzosopran, Sopransaxofon, Violoncello und Orgel.
Uraufführung zu Bettina Schünemanns Fastentuch in der Augustinerkirche Gotha am Aschermittwoch 2023
Jenseid Eden – Sinfonisches Oratorium zur jahwistischen Schöpfungsgeschichte nach den Schriftverdeutschungen von Martin Buber und Franz Rosenzweig sowie von Marin Luther
Im Rahmen des Bildes der Henne und ihrer Küken (Matth. 23; Paul Gerhardt): Vier Sätze zum Passionsgeschehen, aus verschiedenen Blickwinkeln (Petrus, Judas, Pilatus, die Frauen am Kreuz). Die Besetzung ist nicht zwangsläufig wie in den hier vorgelegten (immer noch entwurfartigen) Noten vorzunehmen, sondern, beispielsweise je nach Satz, variierbar: Verschiedene Tasteninstrumente (Klavier, Harmonium, Cembalo, Orgel), verschiedene Solostimmen. Die Turbae können aus der Klavierstimme entwickelt und einem Chor zugeordnet werden.
Weiteres Triptychon zur Osterzeit, in den 1990er Jahren begonnen („Das leere Grab“) und 2025 abgeschlossen („Magdalena“, „Emmaus“).
Diese Geschichten sind mir mit die liebsten, weil sie das an sich eher unheimliche Geheimnis – nennen wir es hier ausnahmsweise lieber mysterium – um die Auferstehung deutlich beschreiben (Mk 16,8: „Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich“).
Es ist vergleichsweise einfach zu realisieren, auch in Einzelsätzen, und dabei wohl ausdrucksstark oder wenigstens wirkungsvoll genug. Die Uraufführung am Ostermontag 2025 fand freundliche Aufnahme.
Diese Komposition hat sich über Jahrzehnte erstreckt. Der „Engelsturz“, also der Auswurf des Teufels aus dem Himmel durch die Armee des Erzengels Michael (dazugehörigen Text aus Apokalypse 12 hatte ich 2001 unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September vertont) steht im Zentrum des Werkes für 13 Instrumente in 13 Sätzen. Die Schrecken hören nicht auf. Noch dauert das grauenvolle Morden an, weltweit – und wir alle sind daran irgendwie beteiligt. Dieses noch spielt also ebenfalls eine zentrale Rolle in dieser Arbeit, zwei der hier verwendeten Choralstrophen beginnen mit diesem Wort: „Noch will das Alte unsre Herzen quälen“ (Dietrich Bonhoeffer); „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld“ (Jochen Klepper) – und Søren Kierkegaards bekannter Grabspruch: „Noch eine kleine Zeit, dann ists gewonnen, dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen. Dann darf ich an Lebensbächen mich laben, und ewige Zwiesprach mit Jesus haben“. Diese Zeilen von Hans Adolph Brorson habe ich in eine Zwölftonmelodie übersetzt, welche kurzen Intermezzi und der Schlussfuge das Gepräge gibt.
Ein Kontrapunkt zur Angst dieser Zeit und dieser Welt. Wie tröstlich der ist, können wir „noch“ nicht sagen. Dieser Trost ist ja nur durch den Tod zu erreichen. Der andere große Kontrapunkt, in der Kammersinfonie nicht zu überhören, ist Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“. Hymne gegen die Furcht! Deren letzte Zeile wird gleichsam endlos wiederholt: „Das Reich muss uns doch bleiben.“
„Die mit Threnen seen/ werden mit freuden erndten – Die nun säen mit Tränen, im Jubel werden sie ernten.“ Wie in den Vertonungen zum Adamstoff liegen diesem Psalm Schriftverdeutschungen von Buber/Rosenzweig und Luther zugrunde. Stilistisch „tonal“gehalten (mit ernst gemeinten Anleihen bei der leichten Muse), ist das Werk für Chöre wohl recht gut zu realisieren.
Ein frühes Zeugnis absurder Dichtung – die jahwistische Schöpfungsgeschichte. Die Welt entsteht (von selbst, aber nicht aus sich heraus); in karger Landschaft wie bei Becketts „Warten auf Godot“ wird ein Garten gepflanzt, wo ein anmaßender Obstdiebstahl mit üblen Folgen stattfindet. Ein Viech hat der späteren Mutter aller Lebendigen das Blaue vom Himmel eingeredet, die räsoniert noch und betreibt, immerhin! Theologie, wird aber schwach – und ihr Gespons widerspricht nicht einmal, sondern beisst gleich zu. Um hinterher mit juristischen Spitzfindigkeiten zu glänzen und die Schuld am Sachverhalt ganz woanders zu vermuten. Der angekündigte Tod lässt nicht wirklich auf sich warten. Er findet statt, bereits im Leben.
Version für Chor, Soli und Orchester; Textgrundlagen sind die Schriftverdeutschungen von Buber/Rosenzweig und Luther.
In gewisser Weise das Gegenstück zur Schöpfungsgeschichte – dort der Zustand „Im Anfang“, hier der (fortdauernde) showdown mit dem Teufel. Der Christus ist in die Welt gekommen, um uns zurückzuholen. Dieser Gang führt nicht allein auf die Schädelstätte Golgatha, sondern noch tiefer hinab: In die Hölle zu den endgültig (?) verlorenen. Geführt vom Geist des vorchristlichen Dichters VERGIL und später dem seiner Jugendliebe (?) BEATRICE folgt der Vertriebene Dante diesem Weg. Er durchquert drei Bereiche: Hölle – Läuterungsberg („Fegefeuer“) – Paradies. Das äußerst kunstvolle Dichten der „Commedia“ hat Dante fast während seiner gesamten Flucht begleitet. Kurz nach ihrer Vollendung ist er im Exil gestorben. Aber er hat die Erlösung geschaut – und davon berichtet. Die Göttliche Komödie hat ungezählte Schriftwerke der Menschheit inspiriert.
Bibellesungen und Improvisationen
Jan Kehrberger liest zentrale Texte der Osterbotschaft und improvisiert dazu auf Instrumenten der Michaeliskirche Neugraben.
Ein Abschnitt aus einer weiteren ADAM-Vertonung von Jan Kehrberger und weitere Verspieltheiten.